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The Berlin Zoo and Its Jews

 

The German Press Reports on the Berlin Zoo and Its Jews

 

1) Aufbau (New York), 10/5/2000

2) Süddeutsche Zeitung, 10/12/2000

3) Berliner Zeitung, 9/11/2000

4) Berliner Morgenpost 9/11/2000

5) Die Welt 10/2/2000

6) Berliner Morgenpost 1/29/2002

7) Die Welt 10/6/2002

8) Berliner Morgenpost 10/8/2002

 

 

1) Aufbau (New York), 5. Okt. 2000

Berliner Zoo wiegelt ehemalige jüdische Aktionäre ab

Zutritt verboten!

Mehrmals in der Woche ist Werner Cohn zum Spielen in den Berliner Zoo gelaufen. Der Vater hat im Sommer manchmal im Zoo-Restaurant gefrühstückt. An den Wochenenden trafen sich die Eltern mit ihren Freunden unter den alten Bäumen des Tierparks. " Hier waren unsere sozialen Kontakte," sagt der inzwischen 74-jährige Werner Cohn über das Leben seiner Familie in den 20er Jahren rund um den Berliner Zoo. Da war es nur logisch, dass sein Vater am 28. Februar 1928 eine der 4000 Zoo-Aktien kaufte. Man wollte etwas beitragen zu einer Institution, die man liebte. Gewinn warfen die Aktien nicht ab, aber es gab den freien Eintritt in den Zoo und das Wissen, dass man an der Entwicklung der Naturwissenschaften partizipierte.
Der nominelle Wert lag damals bei 500 Reichsmark. Wieviel der Arzt Dr. James Cohn bezahlt hat, weiss sein Sohn nicht. Die aktuelle Leitung der Aktiengesellschaft anscheinend auch nicht. Sie wollten bis vor wenigen Wochen nicht einmal wissen, dass die jüdischen Aktionäre ihre Anteilsscheine in den Jahre 1938 und 1939 "verkauften".
Das tat auch Werner Cohns Vater, bevor er im August 1938 mit der Familie nach New York emigrierte und sich 1940 erschoss. Sein Sohn machte Karriere, stu-dierte am City College in New York und an der New School und wurde später als Professor für Soziologie nach Kanada berufen. Werner Cohn besuchte 1966 bei einem Deutschlandbesuch den Zoo ­ "mein erster Weg" ­ und wurde nicht zur Verwaltung vorgelassen. "Schreiben sie den Vorgang erstmal auf," hat man damals zu ihm gesagt. Auf den Brief hat er nie eine Antwort erhalten. Auch auf andere Briefe nicht, die er ab Februar dieses Jahres schrieb. Erst als er mit der Geldkeule drohte ­ 50 Millionen Dollar ­ schrieb der Anwalt des Zoos zurück.
Werner Cohn ist kein fanatischer Zoogänger mehr, der Bronx-Zoo erinnert ihn zu sehr an Disneyland und der Berliner Zoo ist ihm vergällt: "Mein Gott, nach allem was passiert, kann ich da wohl nicht mehr reingehen." Es klingt resigniert, verbittert, enttäuscht. Er und seine Schwester Hilda haben den Zoo geliebt. Er ist nicht sentimental, aber das Verhalten der aktuellen Zooleitung hat diese Erinnerung zerstört.
Der Anwalt Lehmann hat in seinem Brief behauptet, dass der Zoo keine einzige Aktie rückerstatten musste und schliesst daraus, dass bei der Übertragung auf nichtjüdische Eigentümer weder Druck, noch Zwang, noch Nötigung stattgefunden hat.
"So wie meine Großmutter ihren Schmuck, ihre Wertgegenstände abgeben musste, so wurde ihr auch die Zoo Aktie abgenommen," schimpft Gerald Friedman. Der 79jährige Professor für Geologie glaubt nicht an legale Verkäufe. Er hat sich sogar mit dem Verwaltungsdirektor des Berliner Zoos Hans-Peter Czupalla, getroffen. "Der war sehr freundlich, aber passiert ist nichts." Die frühen Briefe seines Vaters sind mit der banalen Information beantwortet worden, die Aktie sei nun in den Händen andere Besitzer.

Die Zoo-Erfahrungen
bestimmten Lebenswege

Nie wäre Gerald Friedman Geologie Professor geworden, wenn er nicht die Erfahrungen im Berliner Zoo gemacht hätte. Inzwischen, weltweit geehrt und ausgezeichnet, ist er oft in Berlin. Einige seiner New Yorker Studenten arbeiten inzwischen in der Hauptstadt. An sie würde er seine Eintrittskarte übertragen, wenn der Zoo eine bewilligen würde. Im Moment hält Berlin ihn hin und reagiert leicht beleidigt, so als ob es unverschämt sei, das Thema überhaupt noch anzurühren. Regt euch nicht auf, liest man zwischen den Zeilen der Korrespondenz, wir tun ja was. Zum Beispiel eine Hilfskraft einstellen, die Namensaktien heraus sucht. Oder aber Kopien der Aktien verschicken ­ sich aber dann wundern, wenn die Empfänger feststellen, dass alle Aktienbesitzer mit jüdisch klingenden Namen plötzlich ab 1938 Meiers und Müllers gehören. Niemand scheint zu wissen, wie diese Übertragung vor sich ging. Vinkulierte Namensaktien bedeuten eigentlich, dass die Aktiengesellschaft zustimmen muss, wenn die Aktie ihren Besitzer wechselt. Auch darüber wissen die Verantwortlichen des Zoos nichts und gegenüber einer Berliner Zeitung sagte der Anwalt: "Der Zoo hat jedenfalls niemandem eine Aktie entzogen, denn die Aktien waren ja nicht im Besitz des Zoos." Zusätzlich wird immer wieder betont, dass alle Unterlagen, die darüber Auskunft geben könnten, im Krieg zerstört worden sind.

Werner Cohn ist im Berliner Zoo aufgewachen. Er kann es nicht glauben, dass sich niemand an die jüdischen Aktionäre erinnert. Foto: Patrick Becker

Ob das der Grund ist, dass im aufwendig gestalteten Buch zum 150-jährigen Jubiläum 1994 den jüdischen Aktionären gerade mal drei Sätze gewidmet wurden, die Bombenangriffe der Alliierten aber in aller epischer Breite beschrieben werden? Werner Cohn hat so ein Buch von Hans-Peter Czuballa geschickt bekommen, schon mit der Andeutung, "dass die Beschreibung der Vergangenheit, vielleicht nicht in dem Maße geschehen sei, wie es sich ein Betroffener wünscht." Zumindest ist erstmals erwähnt, daß Juden ab der 9. November 1938 nicht mehr den Zoo besuchen durften.
Jetzt wollen Werner Cohn und Gerald Friedman den Zoo beim Wort nehmen: "Zu verbergen haben der Zoo und seine Leitung nichts," heißt es noch in einem Brief vom 13. April diesen Jahres aus Berlin. Über 20 Nachkommen von ehemaligen jüdischen Aktienbesitzer haben sich schon gemeldet und Werner Cohn macht weiter Druck: eine Webpage, Berichte in großen deutschen Zeitungen oder Rundbriefe an Zoodirektoren weltweit, doch ihre Berliner Kollegen dazu zu bewegen, sich ihrer Geschichte zu stellen.
Endlich die historischen Experten ins Archiv lassen
Wenn man Werner Cohn fragt, was der Zoo jetzt tun soll, drängt er vor allem auf fundierte historische Forschung. Experten sollen im Berliner Zoo-Archiv Einzug halten und wenn die Aktiengesellschaft tatsächlich neben den Freikarten noch Wiedergutmachung zahlen will, dann doch auch an den israelischen Zoo in Ramat- Gan. "Der ist wunderschön", sagt Werner Cohn.

Irene Armbruster

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2) Süddeutsche Zeitung, Okt. 12, 2000

SZ vom 12.10.2000 Berlin
Im Gehege des Vergessens

Was wurde aus Aktie 1114? Wie der Berliner Zoo mit seiner Vergangenheit umgeht / Von Steffi Kammerer

"Während des Herbstes war Onkel Julius sogar nach Feierabend in den Zoo gegangen. Sein ganzes Leben kreiste jetzt um die Tiere. Und dann, kurz vor Weihnachten, war der Schlag gekommen. Onkel Julius hatte einen offiziellen Brief bekommen, in dem sein freier Eintritt in den Zoo widerrufen wurde. Die Tatsache, dass er eine jüdische Großmutter hatte, genügte. Danach hatte Onkel Julius sich verändert. Er konnte nicht schlafen und aß nicht richtig. Eines Tages war Onkel Julius tot aufgefunden worden, neben sich ein leeres Glasröhrchen, in dem Schlaftabletten gewesen waren." (Aus Judith Kerr: Als Hitler das rosa Kaninchen stahl)

Im März diesen Jahres erreichte ein Brief aus Brooklyn, New York den Zoologischen Garten in Berlin. Absender war Werner Cohn, ein emeritierter Soziologieprofessor. Als altes "Zookind", so schrieb der heute 74-Jährige, denke er oft an seine Besuche in der Hardenbergstraße. Er und seine Schwester standen fast täglich vor dem Gehege des Seelöwen "Roland". Ihr Vater war Inhaber einer Zoo-Aktie und darum brauchten sie keinen Eintritt zu zahlen. Nun, am Ende seines Lebens wolle er wissen, was eigentlich mit der Aktie passiert sei, die sein Vater James 1926 erworben hatte. Den Vater konnte er nie fragen, er hat sich 1940 umgebracht, zwei Jahre, nachdem er seine jüdische Familie nach Amerika retten konnte. Das Foto über Cohns Schreibtisch zeigt ihn in kaiserlicher Uniform, dekoriert mit dem Eisernen Kreuz.

Der Zoologische Garten ist seit mehr als 150 Jahren im Besitz von Aktionären ­ damals wie heute gilt die Aktie in der Berliner Gesellschaft als Statussymbol. Es gibt nur 4000 Stück. Sie werden über die Generationen vererbt, kaufen kann man die Liebhabertitel fast nie. Die Zoo-Aktie ist mit über 7000 Euro heute eines der teuersten deutschen Wertpapiere.

Werner Cohn also wollte wissen: Wurde die Aktie verkauft? Geschah das freiwillig? War es legal? Wie viel Geld hat der Vater dafür bekommen? Entsprach die Summe dem damaligen Marktwert? Der Zoo reagierte umgehend. Die Aktie mit der Registriernummer 1114 sei am 13. August 1938 an einen gewissen Ferdinand Kallmeyer verkauft worden. Mehr wisse man nicht. Der Preis und die Umstände des Verkaufs ließen sich leider nicht rekonstruieren. Cohn bohrte weiter. Im April 2000 bekam er wieder Post aus Berlin. Im Auftrag des Zoos schrieb ihm nun Rechtsanwalt Richard F. Lehmann aus der feinen Fasanenstraße:

Herr Lehmann teilte Cohn mit, dass es niemals zu Enteignungen jüdischer Aktionäre gekommen sei, bei der Übertragung der Aktie seines Vater seien weder "Druck noch Zwang noch Nötigung" ausgeübt worden. Er persönlich könne "mit absoluter Sicherheit bestätigen, dass ich im Zoo niemals irgendwelche judenfeindliche Schilder oder Hinweise gefunden habe. Dem Zoo ist es im übrigen völlig gleichgültig, welchen Glaubens seine Aktionäre sind. Aus diesem Grunde hat irgendeine Sonderbehandlung von jüdischen Aktionären auch in der Nazizeit niemals stattgefunden."

Wirkliche Probleme

Werner Cohn, der ein besonnener und umgänglicher Herr ist, beschloss nach Erhalt dieses kaltschnäuzigen Schriftstücks, den Zoo zur Vergangenheitsbewältigung zu zwingen. Er schaltete Annoncen und begann, im Internet nach weiteren Betroffenen zu fahnden. Bisher haben sich rund 20 alte Leute aus USA, Lateinamerika und Israel gemeldet, die aussagen, ihre Eltern hätten Zooaktien besessen. Cohn schätzt, dass bis Ende der dreißiger Jahre fast die Hälfte der Aktien in jüdischem Besitz waren. "Die West-Berliner Juden hatten eine ganz enge Bindung an den Zoo", erzählt er. "Es gehörte in unseren Kreisen einfach dazu, sich dort zu engagieren." Nachdem das Eigentum in den meisten Fällen "arisiert" worden sei, ergebe sich für den Zoo eine moralische Schuld von mehr als zehn Millionen Dollar. Schließlich, so argumentiert Cohn, hätten die jüdischen Besitzer 60 Jahre lang nicht über ihr Eigentum verfügen können. Die Summe fordert er allerdings nicht für die betroffenen Aktionäre, sondern als Unterstützung für den Zoo in Tel Aviv.

Von einer Klage ist Cohn inzwischen abgerückt ­ sie hätte keinen Erfolg. Denn die Frist zur Rückforderung des Eigentums ist bereits in den fünfziger Jahren abgelaufen. Die Behauptung von Zoo-Anwalt Lehmann, die Aktien seien freiwillig verkauft worden, ist allerdings zynisch: "Bei allen Rechtsgeschäften, die nach dem Erlass der Nürnberger Rassegesetze 1935 zu Stande kamen, ist davon auszugehen, dass sie unter Zwang stattgefunden haben", sagt Peter Heuß, Historiker der Jewish Claims Conference in Frankfurt. Diese Annahme gelte, solange der Erwerber nicht das Gegenteil bewiesen habe. Indirekter Druck habe ohnehin bestanden ­ schließlich konnten die meisten Verfolgten ihre Emigration gar nicht anders finanzieren als durch den Verkauf ihres Eigentums.

In letzter Zeit bemühte sich der Zoo um einen anderen Ton. Schließlich musste sich Zoodirektor Hans Frädrich Ende August sogar vom Kollegen des Los Angeles Zoo fragen lassen, weshalb er nichts unternehme. "Die Wahrheit ist", so wies er Cohn im nächsten Brief zurecht, dass seit Wochen jemand damit beschäftigt sei, die alten Aktienbücher durchzugehen. Man sei bisher auf rund 180 eindeutig jüdische Namen gestoßen. Und er gibt zu: "Auffallend viele Besitzerwechsel haben sich in der Tat 1939 ereignet. Es liegt nahe, dies mit dem Zwangsverkauf in Verbindung zu bringen." Im Oktober würde der Aufsichtsrat überlegen, wie man mit diesen Erkenntnissen umgehen werde. "Zu verbergen haben der Zoo und seine Leitung nichts."

Vor wenigen Tagen fand diese Sitzung tatsächlich statt. Viel herausgekommen ist nicht. Man habe beschlossen, die Namen in einen Computer einzugeben und die Daten einem Wissenschaftler zu übergeben, erklärt Zoo-Vorstand Hans-Peter Czupalla. Mehr gebe es im Moment nicht zu sagen. Widerwillig stimmt er dann doch einem Gespräch zu, das gemeinsam mit Zoodirektor Frädrich in seinem Büro stattfindet.

Man ist ganz dankbar dafür, dass Werner Cohn im fernen Brooklyn weilt und nicht hören kann, was die Zoo-Funktionäre vor bunten Safari-Fotos von sich geben. Milliarden habe man an die Juden gezahlt, sagt Czupalla. Sein ganzes Leben habe er an der deutschen Schuld getragen. "Und jetzt, wo auch die Zwangsarbeiter entschädigt werden, fühlt sich Herr Cohn, der als Pensionär nichts zu tun hat, aufgerufen, auch zu fordern."

Er, Czupalla, habe hingegen sehr viel zu tun. Er habe wirkliche Probleme. Dem Zoo würden nämlich ständig die Zuschüsse gekürzt, sogar die Pferdekutschen müsse er abschaffen. Man müsse endlich abschließen mit der Vergangenheit, sagt Czupalla. "Ich will nach vorne gucken, nicht immer rückwärts. Es gibt auch für Mord Verjährungszeiten." Er selber habe im Krieg schließlich auch gehungert und Opfer gebracht: "Meine Familie hat für einen Sack Kartoffeln einen wertvollen Teppich verkauft. Den kann ich doch heute auch nicht vom Bauern wiederholen."

Juden seien ihm genauso willkommen, wie die 200  000 "Muselmänner", die in Berlin lebten, so Czupalla. Aber er wisse nicht, was die Ansprüche sollen: "Der Zoo, den Sie hier sehen, dazu hat kein jüdischer Bürger etwas beigetragen." 1945 sei schließlich alles zerstört worden. "Das ist von den neuen Bürgern aufgebaut worden. Das sageich weder mit Pathos noch mit Stolz, sondern als Fakt."

"Halbjüdin" als Zeugin

Das Schreiben von Rechtsanwalt Lehmann ("ein ordentlicher Mann, der im Schützengraben gekämpft hat"), das bezeichnen die beiden Männer heute trotzdem als "ungeschickt". Man habe die Empfindlichkeiten unterschätzt. Und dass es keine Verbotsschilder für Juden gegeben habe, das könne man natürlich mit Gewissheit auch nicht sagen. Auch wenn es diese "Halbjüdin" gebe, die ihnen bestätigt habe, den Zoo auch nach 1938 regelmäßig besucht zu haben.

Wolf Gruner vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung geht davon aus, dass Berliner Juden spätestens nach dem Novemberpogrom 1938 keinen Zugang mehr zum Zoo hatten. Er ist in Besitz eines Dokuments, nach dem der damalige Zoodirektor Lutz Heck bereits Anfang 1938 vorgeschlagen haben soll, Juden den Eintritt in alle deutschen Zoos zu verwehren.

Werner Cohn hofft nun, dass seine Briefe den Berliner Zoo wenigstens veranlassen, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen.Der alte Mann geht mit seinen Enkelkindern oft in den Zoo der Bronx. Manchmal, wenn sie den Seelöwen bei der Fütterung zusehen, erzählt er von früher. Er hätte sich gewünscht, dass man ihm aus Berlin freiwillig eine Jahreskarte geschickt hätte ­ auch wenn er sie kaum nutzen könnte. Aber es wäre eine Geste gewesen.
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3) Berliner Zeitung, 11. Sept. 2000

Berliner Zeitung: Seite 3 
11.September 200

Aktie 1114

Der Sohn eines jüdischen Zooaktionärs fordert Wiedergutmachung. Eine Rechtsgrundlage dafür gibt es nicht. Der Berliner Zoo reagiert unbeholfen
Stefan Ehlert

BERLIN, im September. Im Keller eines Verwaltungsgebäudes am Hardenbergplatz 8 geht eine Studentin einer ungewöhnlichen Aushilfstätigkeit nach. Sie soll die Namenslisten in den handschriftlich geführten Aktionärsbüchern des Berliner Zoos entziffern. Seit dem vergangenen März sucht die junge Frau in den Akten nach typisch jüdisch klingenden Namen. 124 Einträge hat sie bisher gefunden, Namen wie Levy oder Cohn.

Es war Werner Cohn, der fünfundfünfzig Jahre nach Kriegsende den Anstoß zu dieser Suche gab. Der emeritierte Soziologieprofessor aus Brooklyn streitet sich seit mehr als sechs Monaten mit dem Berliner Zoo. Angefangen hat alles mit einer schriftlichen Anfrage im vergangenen Februar. Da hatte Cohn um Auskunft gebeten, was aus der Zoo-aktie seiner Eltern geworden ist. Als altes "Zookind" wollte er das an seinem Lebensabend einfach wissen.

"Kein Druck, kein Zwang"

1938, kurz vor dem November-Pogrom, hatte Cohns Vater James seinen Anteilschein an der "Zoologischer Garten Berlin Aktiengesellschaft" verkauft und war mit seiner Familie nach New York emigriert. Dort wurde der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten schwer depressiv. Er beging 1940 Selbstmord.

Werner Cohn ist 74 Jahre alt. Er erinnert sich an schöne Stunden, die er mit den Eltern und seiner Schwester Hilde im Zoo verbracht hat. Von der Wohnung am Bundesratufer 4 spazierten die Kinder durch den Tiergarten zu den Gehegen am Landwehrkanal. Der Zoo im Südwestzipfel des Parks war 1841 als Aktiengesellschaft gegründet worden, und die Inhaber der 4 000 Zooaktien erhielten - und erhalten bis heute - als Dividende Jahreskarten. Werner Cohns Eltern nutzten ihre "Dividende" oft. Sie plauderten in der Waldschänke des Zoos mit jüdischen Freunden und Kollegen, die Kinder vergnügten sich derweil auf dem Spielplatz. Werner Cohns Lieblingstier war der legendäre Seelöwe "Roland". Als er 1966 zum ersten Mal nach Kriegsende Berlin besuchte, ging er sofort in den Zoo und stellte verblüfft fest: Es gab einen neuen Seelöwen "Roland".

Der Zoo leitete Werner Cohns Anfrage an seinen Hausanwalt Richard F. Lehmann weiter. Er ist 83 Jahre alt. Der Jurist bestritt in seinem Schriftsatz jede Mitverantwortung des Zoos für die Arisierung jüdischen Aktionärseigentums Ende der 30er-Jahre. Es sei dem Zoo nicht ein einziger Fall bekannt geworden, "wonach eine Aktie auf Grund des Rückerstattungsgesetzes einem früheren jüdischen Inhaber zu- rückübertragen werden musste", schrieb Lehmann und kombinierte: "Daraus kann der Schluss gezogen werden, dass bei der Übertragung weder Druck noch Zwang noch Nötigung stattgefunden hat."

Die Antwort des Anwalts machte Werner Cohn wütend. Und aktiv. Inzwischen hat er weltweit zwanzig ehemalige Berliner Juden gefunden, die angeben, sie selbst oder ihre Eltern hätten Zooaktien besessen. Cohn glaubt, dass es insgesamt mindestens tausend jüdische Aktionäre gab, deren Eigentum unter ungeklärten Umständen "arisiert", also an Nicht-Juden übertragen wurde. Er berechnet dem Zoo für die Beteiligung an der Arisierung jüdischer Zooaktien eine "moralische Schuld" in Höhe von 20 Millionen Dollar. Die Summe ist gut zweimal so hoch wie der Jahresetat des Zoos. Cohn begründet die immense Forderung damit, dass die jüdischen Eigentümer 60 Jahre lang über ihr Eigentum nicht verfügen konnten. Das Geld fordert Cohn aber nicht für sich oder die enteigneten Mitaktionäre ein, sondern als Wiedergutmachung in einer ganz besonderen Form: Der Berliner Zoo soll die Kollegen des Zoos Ramat-Gan in Tel Aviv unterstützen.

Vor allem aber fordert Werner Cohn, dass der Zoo sich der dunklen seiner Geschichte erkennbarer als bislang geschehen annimmt und die Archive für Forscher freigibt. Die bisherigen Publikationen, vom Zoo selbst herausgegeben und von den eigenen Direktoren verfasst, sind wenig aufschlussreich. Auch die Frage, wie es den Zwangsarbeitern des Zoos ging und wer sie entschädigt, ist bislang ungeklärt.

Peter Heuß ist Historiker der Jewish Claims Conference in Frankfurt. Die Schlussfolgerung von Anwalt Lehmann, die Aktien seien ohne Zwang übertragen worden, hält er für unhaltbar. "Für die im Nazi-Deutschland rassisch Verfolgten gilt prinzipiell eine ,Entziehungsvermutung'." Das bedeutet, dass bis zum Beweis des Gegenteils in jedem Einzelfall davon auszugehen ist, dass den Juden in Deutschland zwischen 1933 und 1945 unter Druck und Zwang ihr Vermögen entzogen wurde, auch wenn der Verkauf - etwa der einer Zooaktie - formalrechtlich korrekt ablief. "Ein Verbot des Aktienhandels für Juden gab es 1938 nicht", sagt Heuß. Zumindest "der Anschein der Rechtmäßigkeit bei der Arisierung jüdischen Eigentums" sei von den Nationalsozialisten bis 1941 aufrechterhalten worden. Gleichwohl war 1938, drei Jahre nach Erlass der Nürnberger Gesetze, der Druck für die Juden immens. "Ohne den Verkauf ihres Eigentums hätten viele die Emigration gar nicht finanzieren können", sagt Heuß. Die Frist zur Rückforderung des arisierten Eigentums lief jedoch Ende 1950 ab. Werner Cohn hat deshalb heute keinen Rechtsanspruch mehr auf Rückgabe der elterlichen Zooaktie.

So viel hatte auch Zoo-Anwalt Lehmann dem US-Amerikaner mitgeteilt. Der Zoo selbst hat von den Aktienverkäufen wohl auch finanziell nie profitiert. Doch Werner Cohn versucht weiterhin, eine internationale Debatte über das Thema "Der Berliner Zoo und seine Juden" in Gang zu setzen. Auf der großen Konferenz der Zoodirektoren im Oktober in Kalifornien sollen sich die Berliner Zoochefs vor ihren Kollegen verantworten, fordert Cohn. Eine entsprechende Voranfrage des "Los Angeles Zoo" ging am Hardenbergplatz schon ein.

Verwaltungsdirektor Hans-Peter Czupalla bemüht sich um Schadensbegrenzung. Vor kurzem empfing er Werner Cohn und versprach ihm Aufklärung. Nun lässt Czupalla die wenigen Akten, die den Krieg überstanden, auswerten. "Jeder ehemalige jüdische Zooaktionär ist uns willkommen", sagt Czupalla. "Er bekommt von mir sofort eine Jahreskarte und eine persönliche Führung." Doch wie viele emigrierte Aktionäre es noch gibt, weiß keiner, und im Archiv des Zoos sitzt kein Experte, sondern eine Studentin. Anwalt Lehmann sagt: "Der Zoo hat jedenfalls niemandem eine Aktie entzogen, denn die Aktien waren ja nicht im Besitz des Zoos."

Zutritt verwehrt

Wolf Gruner vom Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin ist davon überzeugt, dass sich der Zoo aktiv an der Diskriminierung der jüdischen Bürger der Stadt beteiligt hat. Anwalt Lehmann sagt zwar, er habe niemals "irgendwelche judenfeindlichen Schilder oder Hinweise" im Zoo gefunden. Doch es gilt als sicher, dass spätestens nach dem Pogrom am 9. November 1938 auch der Berliner Zoo den jüdischen Mitbürgern den Zutritt verwehrte. Der damalige Zoodirektor Lutz Heck persönlich soll schon Anfang 1938 den deutschen Kollegen vorgeschlagen haben, die Zoos für Juden zu sperren, sagt Gruner.

"O Gott, der Heck, ein dunkles Kapitel", sagt dazu Zoo-Anwalt Lehmann. Heck sei sogar mit dem späteren Reichsmarschall Hermann Göring befreundet gewesen, deshalb sei ein solcher Vorschlag Hecks gut vorstellbar.

James Cohns Zooaktie mit der Nummer 1114 ist im August 1938 an einen Herrn Ferdinand Kallmeyer abgetreten worden. Dessen Erben sind bis heute im Besitz des Wertpapiers. An der Berliner Börse ist es mit 7 000 Euro notiert. Aber kaum jemand verkauft seine Zooaktie. Es ist ein Liebhaberstück. Ein Symbol für die Verbundenheit mit der Stadt.

Artikel vom 11. September 2000
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4) Berliner Morgenpost, 11. Sept. 2000



Montag, 11. September 2000
Zoo-Aktionäre verlangen Wiedergutmachung

Enteignung jüdischer Familien während der Nazi-Zeit war mehr als 50 Jahre lang Tabuthema - Krisensitzung im Aufsichtsrat

Von Peter Schubert

Es ist ein Kuriosum noch aus der Zeit des Königs: Der Zoologische Garten ist seit mehr als 150 Jahren eine Aktiengesellschaft und damit in Privatbesitz. 4000 so genannter vinkulierter Namensaktien gibt es. Bis auf 30 Aktien, die der Senat hält, befinden sich die restlichen in Streubesitz. Bei vielen dieser Aktien stellt sich jedoch nun überraschend die Frage, ob sie überhaupt im Besitz der rechtmäßigen Eigentümer sind.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost hat sich in den USA jetzt nämlich eine Interessengemeinschaft von Altaktionären formiert, die den Zoo auf Wiedergutmachung verklagen will. Von einer Entschädigungssumme in Höhe von 50 Millionen Dollar ist die Rede. Damit hat der dunkle Schatten der NS-Geschichte nun auch den Zoo erreicht. Nach Angaben von Vorstand Peter Czupalla soll der Aufsichtsrat «in seiner nächsten Sitzung beraten», wie ein drohendes Desaster für den Zoo abgewendet werden kann.

Den Stein ins Rollen gebracht hat ein 74-jähriger, emeritierter Soziologie-Professor aus New York. Zunächst fing die Sache ganz harmlos an. Werner Cohn, der 1938 als Kind mit seinen Eltern nach Amerika emigrierte, war auf Erkundungsreise ins neue Berlin gekommen und stattete dabei nach langer Zeit erstmals auch dem Zoo wieder einen Besuch ab. «Wunderbare Kindheitserinnerungen wurden wach, zum Beispiel an einen Seelöwen namens Roland», sagt Cohn, dessen Vater Arzt war und ganz in der Nähe in Moabit lebte. Wie so viele bürgerliche Familien vor dem Krieg besaßen auch die Cohns einst eine jener begehrten 4000 Namensaktien des 1844 gegründeten Zoos. Dividende warf die Aktie zwar keine ab, dafür genossen die Inhaberfamilien das ganze Jahr freien Eintritt - damals wie heute.

Cohn recherchierte zunächst in den einschlägigen Zoo-Büchern, etwa dem zum 150-jährigen Zoo-Jubiläum 1994. Fehlanzeige. Dann suchte der Professor den direkten Kontakt. Er wollte herausfinden, wann und unter welchen Umständen genau die jüdischen Aktionäre in der NS-Zeit enteignet wurden. Doch die Antworten des Zoos blieben für den Wissenschaftler unbefriedigend. Einerseits bestätigte der Zoo zwar detailliert, dass die Aktie mit der Registriernummer 1114 von Dr. James Cohn im August 1938 an einen gewissen Ferdinand K. übergegangen sei. Andererseits teilte man Cohn mit: «Unter welchen Umständen das geschah und welcher Preis möglicherweise dabei erzielt wurde, lässt sich anhand fehlender Unterlagen nicht mehr ergründen. Auch die Frage, wie mit den Juden in der damaligen Zeit umgegangen wurde, ist nur schwer zu beantworten. Eine noch lebende Mitarbeiterin, die auf dem Zoogelände aufwuchs, kann sich nicht daran erinnern, dass es irgendwelche Verbotsschilder gegeben hat. Sie ist auch der Meinung, dass die Pförtner keine Weisung erhielten, Juden nicht mehr in das Zoogelände hineinzulassen.»

Cohn bohrte weiter. Im Ton freundlich, aber bestimmt. Woraufhin der Zoo einen Anwalt einschaltete. Mit Datum vom 11. April ließ dieser Cohn wissen, dass dem Zoo «bisher nicht ein einziger Fall bekannt wurde, wonach eine Aktie aufgrund des Rückerstattungsgesetzes einem früherem jüdischen Inhaber zurück übertragen werden musste». Daraus könne «der Schluss gezogen werden, dass bei der Übertragung weder Druck, noch Zwang noch Nötigung stattgefunden hat». Als Beweis führte Rechtsanwalt Dr. Richard L. eigene Erfahrungen an. Wörtlich: «Ich selbst bin Jahrgang 1917 und ebenfalls Aktionär, der seine Aktie von den Großeltern geerbt hat. Ich habe ebenso wie Sie, sehr geehrter Herr Professor, den Zoo auch seit meiner Kindheit häufig besucht und kann Ihnen mit absoluter Sicherheit bestätigen, dass ich im Zoo niemals irgendwelche judenfeindliche Schilder oder Hinweise gefunden habe.»

Zoo-Vorstand Czupalla räumt ein: «Dieser Brief war ein großer Fehler.»

Wobei die Konsequenzen nicht absehbar sind. Cohn, bestürzt über die «ungeheuerliche Wortwahl» und die «offenkundige Gleichgültigkeit», schaltete Annoncen und begann, per Internet weltweit nach weiteren Betroffenen zu fahnden. Wie viele jüdische Aktionäre der Zoo einst hatte, ist unklar. Dass es etliche waren, dürfte angesichts des Mäzenatentums gerade der jüdischen Bürger selbstredend sein. Noch heute gehört es vor allem unter Bankiers «zum guten Ton» Zoo-Aktionär zu sein.

Gemeldet haben sich laut Cohn inzwischen «bereits über 20 Alt-Aktionäre». Geschlossen versuchen sie nun, international Druck auf den Zoo auszuüben. Czupalla bestätigte, er habe sich bereits zweimal mit Cohn getroffen. Ohne greifbaren Erfolg.

Cohn sagt: «Obwohl eine einvernehmliche Regelung sicherlich im Interesse aller Beteiligten läge, hat der Zoo leider nichts unternommen.»

Abgesehen von rechtlichen Schritten, die derzeit geprüft werden, hat die Interessengemeinschaft deshalb nun auch Zoos in den USA und in Israel eingeschaltet. Denn Cohn könnte sich «gut vorstellen, dass statt finanzieller Entschädigung wenigstens der Zoo von Ramat Gan in Israel bei Projekten unterstützt wird.»

Zoo-Vorstand Czupalla indessen sieht sich überfordert: «Herr Cohn verkennt unsere Möglichkeiten. Wir können doch nach über 50 Jahren nicht in Erbhaftung genommen werden. Irgendwann muss Schluss sein.»

Er wolle zwar «kein Öl ins Feuer gießen.» «Aber in der Geschichte zu buddeln, das überlasse ich anderen», so Czupalla. Juristisch seien alle Anspruchsfristen abgelaufen. Scheinbar hatten die früheren Aktionäre aber ohnehin nie eine Chance, Anspruch zu erheben. Bereits Anwalt Dr. L. hatte Cohn wissen lassen, dass sich die entsprechende Rückgabe-Anordnung der Alliierten von 1949 «nicht auf Vermögen mit einem Gesamtwert am Tage der Übertragung von weniger als 1000 Reichsmark» bezogen habe. Die Zoo-Aktie indes belief sich nominell auf 500 Reichsmark. Heute gilt das (an der Börse gehandelte) Papier freilich als Rarität und ist aktuell mit 7000 Euro notiert - fast 14 000 Mark. Es stellt sich die Frage, warum der Zoo es bis heute nicht geschafft hat, seine NS-Geschichte konsequent aufzuarbeiten. Czupalla, seit 1970 im Zoo, lapidar: «Mir machen schon die Alltagsprobleme genug zu schaffen.»

   © Berliner Morgenpost 2000

 

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5) Die Welt, 2. Okt. 2000

Die Welt
Montag, 02. Oktober 2000
Berlin, 04:59 Uhr

Auch der Zoo muss sich seiner NS-Vergangenheit stellen 
Sohn eines jüdischen Aktionärs verlangt 50 Millionen Dollar Entschädigung - Aufsichtsrat des Zoologischen Gartens beschäftigt sich mit Enteignungen

Von Annekatrin Looss

Jetzt holt auch den Berliner Zoo die NS-Vergangenheit ein. Seit mehr als sechs Monaten streitet sich Werner Cohn, emeritierter Soziologieprofessor aus Brooklyn, mit der Leitung der Berliner Institution. Angefangen hatte es mit einer Anfrage Cohns im Februar. Er wollte wissen, was aus der Zooaktie seiner Eltern geworden ist.

Im August des Jahres 1938 hatte Cohns Vater James seinen Anteilsschein an der 1844 gegründeten Aktiengesellschaft verkauft und war mit seiner Familie nach New York emigriert. Cohn war damals zwölf Jahre alt. Noch heute erinnert sich der 74-Jährige an ausgedehnte Spaziergänge und an den legendären Seelöwen "Roland". Versprach der Besitz einer Zoo-Aktie damals wie heute auch wenig Dividende, ihre Besitzer hatten das ganze Jahr über freien Eintritt.

Die Aktie mit der Registriernummer 1114, die Dr. James Cohn am 28. Februar 1928 gekauft habe, sei am 13. August 1938 Eigentum eines gewissen Ferdinand Kallmeyer geworden, erhielt Cohn als dürre Antwort. Wieviel Geld allerdings damals den Besitzer wechselte, ließe sich jetzt nicht mehr feststellen. Die folgenden Briefe Werner Cohns, in denen er mehr über die Enteignung der Juden wissen wollte, blieben unbeantwortet. Bis auf den letzten, in dem Cohn Schadensersatz forderte.

Der Zoologische Garten leitete den Brief an Hausanwalt Richard F. Lehmann weiter. Dieser ließ Cohn wissen, dass bisher nicht ein einziger Fall bekannt wurde, wonach eine Aktie auf Grund des Rückerstattungsgesetzes einem früheren jüdischen Eigentümer rückübertragen werden musste. Daraus schließe er, dass bei der Übertragung der Aktien auf nichtjüdische Eigentümer weder Druck, noch Zwang, noch Nötigung stattgefunden habe. Und: Alle juristisch relevanten Fristen seien abgelaufen. Auch beziehe sich die Verordnung nicht auf ein Vermögen unter 1000 Reichsmark am Tage der Übertragung. Die Zoo-Aktie hatte einen nominellen Wert von 500 Reichsmark, mehr als 4000 Papiere waren im Umlauf. Bis 1979 hielt der Berliner Senat 502 Aktien, die bis 1997 bis auf eine veräußert wurden. Der Kurs liegt zur Zeit bei etwa 7000 Euro (knapp 14000 DM).

Die Antwort des Anwalts machte Cohn wütend. Unter dem Titel "The Berlin Zoo and its Jews" veröffentlichte er auf seiner Homepage einen Aufsatz, in dem er dem Berliner Zoo unter anderem vorwirft, er ignoriere seine moralische Schuld gegenüber den Juden, die ihn damals finanziell unterstützt hätten und versuche, den Diebstahl der Nazis zu verewigen. Nun fordert Cohn, der inzwischen weltweit 20 ehemalige Aktionäre oder deren Erben ausfindig gemacht hat, eine Entschädigung in Höhe von 50 Millionen Dollar.

"Ein harter Brocken", sagt Zoo-Direktor Hans Frädrich zu Cohns Vorwürfen. Schließlich habe man sich nach Kräften bemüht, Cohns Fragen zu beantworten. Inzwischen würden sogar die handschriftlich geführten Aktionärsbücher auf typisch jüdische Namen wie Cohn, Levy oder Lewy durchsucht. Bislang fand man 180 jüdisch klingende Namen, deren Aktien in den Jahren 1870 bis 1939 den Besitzer wechselten. Aber wieviel Geld mit den Aktien erzielt worden sei, ließe sich nicht mehr nachvollziehen. Schließlich sei das gesamte Archiv des Zoos im Krieg verbrannt und somit ein Großteil der Unterlagen verlorengegangen. Ohnehin habe der Zoo nichts damit zu tun, wenn außenstehende Personen Aktien verkauften. Den Brief des Hausanwalts allerdings bezeichnet auch Frädrich als Fehler. Der Zoo sei damals sicherlich kein Musterkind gewesen.

Das weitere Vorgehen will der Aufsichtsrat des Zoos in seiner Sitzung am heutigen Montag beraten. Eine Entschädigung in Millionenhöhe ist allein aus finanzieller Sicht ziemlich unmöglich. Die von Cohn geforderte Summe von 50 Millionen Dollar (100 Millionen Mark) ist etwa fünfmal so hoch wie der jährliche Etat des Zoos.

Wie eine Lösung aussehen könnte, weiß Cohn auch nicht. Zuerst habe er eine Entschädigung für die ehemaligen Aktienbesitzer gewollt. Doch das Geld würde das geschehene Unrecht nicht ungeschehen machen, deshalb solle damit stattdessen der israelische Zoo in Ramat-Gan unterstützt werden. Aber eigentlich, sagt Cohn, gehe es darum, dass der Zoo sich seiner Geschichte annehme und die Archive für Forscher - zum Beispiel vom Münchener Institut für Zeitgeschichte - freigebe.

 

 

6) Berliner Morgenpost, 29. Jan. 2002

Dieser Artikel aus dem Ressort Berlin
der Berliner Morgenpost Online vom 29.01.2002
wurde Ihnen geschickt von pschuber@asv.de
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Privileg oder Gefälligkeit?

Aktionär regte Gutachten über den Zoo an - Zeitung bezahlte es

Von Peter Schubert
  
Aktiengesellschaft versus Gemeinnützigkeit: 4000 Zoo-Eigner gibt es - einer von ihnen soll Rechtsgelehrter aus München sein.

Foto: Ullstein

Tumulte hatten im Oktober dafür gesorgt, dass der Vorstand des Zoologischen Gartens seine außerordentliche Hauptversammlung abbrechen musste. Die Aktionäre waren «auf die Barrikaden» gegangen, weil sie auf ihr einziges Privileg verzichten sollten - freien Eintritt.

Der Vorstand des Zoos agiert seither wie gelähmt: Statt gleich einen neuen Termin anzusetzen, soll der Streit frühestens auf der nächsten regulären Hauptversammlung erörtert werden. Wann genau, das weiß Finanzvorstand H. Peter Czupalla bis heute nicht. «Irgendwann im Mai oder Juni», sagt er und hofft, seinen Aktionären «ein besseres Angebot» machen zu können.

Zur Erinnerung: Die Finanzverwaltung war nach Jahrzehnten auf den Gedanken gekommen, dass der freie Eintritt für die 4000 Inhaber der Zoo-Namensaktien ein geldwerter Vorteil sei, der dem Gemeinnützigkeitsrecht widerspreche. Czupalla befürchtet nun, dass der Fiskus diverse Steuervorteile streicht und nachträglich Millionen zurückfordert. Das Ende des Zoos - wenn nicht die Aktionäre freiwillig auf ihr «königliches Privileg» verzichten. Doch seit dem Wochenende schöpft man im Zoo wieder Mut. Der Grund sei «ein Rechtsgutachten, das Argumente liefert, um mit der Finanzverwaltung neu zu verhandeln», wie Czupalla glaubt.

Nach Informationen der Berliner Morgenpost handelt es sich dabei um einen zweifelhaften Aufsatz zweier Mitarbeiter der Uni München. Ekkehart Reimer und Christian Waldhoff liefern darin Stichworte, die dem Fiskus Ermessensspielraum einräumen. Der Zoo sei schließlich nicht mit DaimlerChrysler zu vergleichen, so ihr vorgebliches Kernargument. Doch der Morgenpost bekennt Reimer jetzt, dass beide erst «von einem Professor auf das Thema aufmerksam» gemacht wurden. Peter Landau, Experte für Privatrechtsgeschichte. Eine Art Gefälligkeitsgutachten also? Landau soll nach Reimers Angaben «selbst Aktionär des Zoos» sein.

Czupalla, mit dem Sachverhalt konfrontiert, zeigt sich irritiert: «Ich kenne dieses Gutachten überhaupt nicht, habe es nie gelesen. Es wurde von einer Berliner Journalistin an uns herangetragen.» Kein Wunder, denn auch bezahlt hat offenbar eine Berliner Tageszeitung. Das Honorar? «80 Euro», wie Jurist Reimer einräumt. Ob Reimers und Waldhoffs steuerrechtliche Argumente stichhaltig sind, ist schwer zu beurteilen. Der Aufsatz wurde bislang weder veröffentlicht noch zitiert. Der Morgenpost wurde dies von den Autoren mit Hinweis auf die Verwertungsrechte der Konkurrenz untersagt. Doch gestand Reimer ein, die Finanzbehörde habe die Vorschriften «wortgetreu ausgelegt». Alles sei möglich: «Letztlich entscheiden die Finanzgerichte.»

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7) Die Welt, Oct. 6, 2002

 

 

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Die langen dunklen Schatten der Vergangenheit

Eine Studie belegt erstmals, wie jüdische Zoo-Aktionäre in der Nazizeit systematisch ausgegrenzt wurden
Von Sylke Heun und Peter Schubert

Berlin - Über Jahrzehnte haben Direktoren und Aufsichtsrat des Zoologischen Gartens versucht, die eigene Unternehmensgeschichte während der Nazizeit zu verdrängen. Doch nun wird der Zoo endgültig vom langen dunklen Schatten der Vergangenheit eingeholt: Im Gegensatz zu den Behauptungen des Vorstandes (noch vor zwei Jahren) wurden nach Hitlers Machtergreifung systematisch alle jüdischen Aktionäre ausgegrenzt, und sie mussten teilweise zu Spottpreisen ihre Anteile veräußern. Ab 1939 herrschte für Juden sogar generelles Besuchsverbot im Zoologischen Garten Berlin. Das sind die erschütternden Ergebnisse einer Studie des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin. Die Wissenschaftlerin Monika Schmidt hatte auf massiven öffentlichen Druck hin im vergangenen Jahr den Auftrag bekommen, das Zoo-Archiv einzusehen. Und prompt sind genau dort die angeblich im Krieg verloren gegangenen Aufsichtsratsprotokolle aus den 30er-Jahren aufgetaucht. Ganz "überraschend", wie die ehemaligen Zoo-Direktoren Hans Frädrich und Heinz-Georg Klös noch heute behaupten. Trotz Widerständen im Zoo-Aufsichtrat ist jetzt eine Zusammenfassung von Monika Schmidts Studie in der jüngsten Ausgabe des "Bongo", dem erweiterten Jahresbericht des Zoos, abgedruckt worden. Eindringlich schildert Schmidt darin, welch "rassistische Stimmung" im Zoo einst herrschte. "Es war ja immer ein wesentliches Stück Lunge der Großstadt Berlin mit frischer, sauberer Luft; aber ich finde seit dem November 1938 ist die Luft bei uns noch reiner geworden als zuvor", zitiert Schmidt etwa den langjährigen Zoo-Direktor Hans Ammon. 1942 verzeichnet das Protokoll allgemeine "Heiterkeit", als Ammon und sein Kollege Lutz Heck berichten, dass sie "ruthenische Jungarbeiter aus dem Urwald von Bialowies" im polnisch-weißrussischen Grenzgebiet mitgebracht hätten. Von 1939 ist ein dringender anonymer Appell an den Aufsichtsrat Karl Gelpcke dokumentiert, doch "die Entjudung mitzumachen, dadurch wird der Zoo ein Eden werden".

Für den Soziologie-Professor Werner Cohn aus New York sind die Fakten "keine große Überraschung". Der 76-jährige Emigrant hatte im März 2000 den Stein ins Rollen gebracht, als er in den USA eine Interessengemeinschaft alter jüdischer Aktionäre gründete und "nach 60 Jahren endlich Wiedergutmachung vom Zoo" forderte. Erfolglos. Der Vorstand des Zoos wiegelte ab und behauptete steif und fest, "dass bei der Übertragung der Aktien weder Druck, noch Zwang, noch Nötigung stattgefunden hat". Einziges Zugeständnis: der Forschungsauftrag für die TU.

Vor wenigen Tagen hat Cohn nun ebenfalls ein Exemplar des "Bongo"-Heftes erhalten. Zufrieden sei er damit allerdings nicht, sagt er. Die Autorin ließ Cohn unterdessen wissen, dass er in dem Aufsatz vor allem eine Kritik an der mangelnden Vergangenheitsbewältigung nach 1945 vermisst. Tatsächlich belässt Schmidt es bei der vagen Aussage, "für viele Nachfahren jüdischer Zoo-Aktionäre stellt sich nach wie vor die Frage einer Wiedergutmachung". Kein Wort dazu, dass wie Prof. Cohn auch andere Alteigentümer jahrzehntelang beim Zoo mit Ansprüchen abgeblitzt sind - und auf Gleichgültigkeit stießen.

Eine gewisse Befriedigung ist für Cohn immerhin, dass sich die beiden Ex-Direktoren Frädrich und Klös in einem Vorwort zum "Bongo"-Aufsatz erstmals offiziell "im Namen des Vorstandes für das Unrecht, das jüdischen Besuchern und Aktionären angetan wurde" entschuldigt haben. "Nur, wieso tun sie das nicht in aller Öffentlichkeit", fragt Cohn und vermutet, dass das Thema "weiter totgeschwiegen" werden soll. "Wer kennt schon den ,Bongo'?" Zumindest eine Pressekonferenz hätte Cohn erwartet.

Den seit 1. Juli 2002 amtierenden Zoo-Direktor Jürgen Lange hat der Alt-Aktionär jetzt aufgefordert, "die Studie wenigstens ins Internet zu stellen - auf der Homepage des Zoos am besten". Im Zoo wird dieser Wunsch zurzeit diskutiert. Jürgen Lange: "Eine neue Website wird gerade erarbeitet. Aber eine Entscheidung dazu ist noch nicht getroffen." Zu der Studie sagt der neue Direktor: "Auch mich hat das Ergebnis nicht überrascht. Zu einer Aufarbeitung der Zoo-Geschichte während des Dritten Reiches hätte es längst kommen müssen." Der Aufsichtsrat tritt Anfang Oktober zusammen, die Studie wird Thema sein. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Wilm Tegethoff, sagt: "Ich bin über die Ergebnisse dieser Studie sehr betroffen. Mit stolzgeschwellter Brust haben wir lange Zeit gemeint, da wäre nichts gewesen." Man werde jetzt sowohl über die Studie im Internet als auch über eine Gedenktafel für die jüdischen Aktionäre nachdenken. Derweil ist die Entschädigungsfrage weiterhin offen. Hierzu gibt es bis heute keinen Vorschlag der 4000 Zoo-Aktionäre - weder vom Aufsichtsrat noch vom Senat, der den Zoo jährlich mit drei Millionen Euro alimentiert. Auch auf der letzten Hauptversammlung der Anteilseigner am 10. Juni im Palais am Funkturm wurde das Thema (mit Hinweis auf die damals noch nicht vorliegende Studie) ausgeklammert.

 

 

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Ressort: Berlin
Erscheinungsdatum: 06. 10. 2002

 

 

8) Berliner Morgenpost, October 8, 2002

 

Zoo will sich seiner Geschichte stellen

Von Sylke Heun und Peter Schubert

Der Zoologische Garten will sich endlich seiner lange verdrängten Unternehmensgeschichte während der Nazi-Zeit stellen. Das kündigte jetzt Aufsichtsratschef Wilm Tegethoff an. Noch in diesem Monat wolle man über eine Wiedergutmachung jüdischer Aktionäre beraten. Zunächst wird Tegethoff zufolge dabei an eine Gedenktafel gedacht.

Seit jeher schon befindet sich der Zoo in Privatbesitz. Vor mehr als zwei Jahren nun hatten sich in den USA alte jüdische Aktionäre zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen, um nach 60 Jahren Entschädigung für die ihnen geraubten Zoo-Aktien einzufordern.

Auf öffentlichen Druck hin erhielt die Wissenschaftlerin Monika Schmidt vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin den Auftrag, das Zoo-Archiv auszuwerten. Dort tauchten dann «überraschend» angeblich im Krieg verlorene Aufsichtsratsprotokolle auf. Sie belegen, wie der Zoo «durch Entjudung zum Garten Eden» werden sollte. Schmidts Forschungsergebnisse sind jüngst im «Bongo» erschienen, dem erweiterten Jahresbericht des Zoos. In ihrer Studie belegt Schmidt, wie nach 1933 jüdische Aktionäre ausgegrenzt wurden und zu Spottpreisen ihre Anteile veräußern mussten.

Von 1939 an herrschte für Juden sogar generelles Besuchsverbot - was vor zwei Jahren noch vom Zoo bestritten wurde. «Es war ja immer ein wesentliches Stück Lunge der Großstadt Berlin mit frischer, sauberer Luft; aber ich finde, seit dem November 1938 ist die Luft bei uns noch reiner geworden als zuvor», zitiert Schmidt etwa den langjährigen Zoo-Direktor Hans Ammon. Gemeint ist damit die Pogromnacht gegen die jüdische Bevölkerung.

Mit Genugtuung reagierte Prof. Werner Cohn in New York auf die Studie. Der 76-jährige Emigrant hatte die Wiedergutmachungs-Initiative gestartet, nachdem Betroffene wie er Jahrzehnte lang «auf Gleichgültigkeit gestoßen» waren. Bis zuletzt hegte er den «Verdacht, das Thema wird totgeschwiegen».

Tegethoff: «Ich bin über die Ergebnisse dieser Studie sehr betroffen. Mit stolzgeschwellter Brust haben wir lange Zeit gemeint, da wäre nichts gewesen.» Zoo-Direktor Jürgen Lange bedauert: «Zu einer Aufarbeitung der Zoo-Geschichte während des Dritten Reiches hätte es längst kommen müssen.»

 

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